Dann schlaf auch du – Leïla Slimani

Eine Nanny tötet die ihr anvertrauten Kinder. Ein düsteres und intensives Buch, das sich auf Spurensuche begibt und in seelische Abgründe führt.

Das Buch beginnt mit einer Tragödie: Zwei Kinder, von der Nanny tödlich verletzt. Ein anschließender Selbstmordversuch. Und eine verzweifelte Mutter. Der Roman ist eine Spurensuche, der der Frage auf den Grund geht, wie ein solches Unglück passieren kann.

Es beginnt ganz harmlos: Paul und Myriam haben zwei kleine Kinder. Bisher ist Myriam zuhause geblieben, doch mit der Zeit fällt ihr die Decke auf den Kopf und sie möchte wieder arbeiten. Ein Jobangebot kommt ihr da gerade recht. Endlich kann sie wieder in ihren Beruf als Anwältin einsteigen, den sie nach der langen Pause mit Feuereifer verfolgt. Doch natürlich können die Kinder nicht allein zuhause bleiben. Schnell ist eine Lösung in Form von Louise gefunden. Die Nanny wirkt perfekt: Adrett und mit tadellosen Manieren fegt sie durch die kleine Dachgeschosswohnung wie eine Mary Poppins. Mit der neuen Nanny sind nicht nur die Kinder bestens versorgt, nein, sie bringt auch Struktur in Pauls und Myriams Leben und ist bald für beide unverzichtbar.

»Meine Nanny ist eine Fee.« Das sagt Myriam, wenn sie erzählt, wie Louise in ihren Alltag geplatzt ist. Sie musste über magische Kräfte verfügen, um diese erdrückende, beengte Wohnung in einen ruhigen, hellen Ort zu verwandeln. Louise hat die Wände versetzt. Sie hat die Schränke größer, die Schubladen geräumiger gemacht. Sie hat das Licht hereingelassen.
Dann schlaf auch du, Leïla Slimani, S. 30

Sie sind sich sicher, mit Louise die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Schließlich vertrauen sie ihr das Wichtigste an: Ihre Kinder. Die Nanny ist den ganzen Tag bei ihnen, trägt maßgeblich zu ihrer Erziehung bei und prägt sie. Und es scheint alles gut zu gehen. Nur stellenweise schleichen sich Misstöne ein, die Paul und Myriam allerdings noch nicht zum Handeln bewegen.

Louise bringt sich gerne ein, denn außer »ihrer« Familie hat sie nicht viel im Leben. Schon früh hat sie begonnen, sich für andere aufzuopfern. Hobbys oder andere Beschäftigungen hat sie nicht. Stattdessen verbringt sie so viel Zeit wie möglich in der Wohnung mit Myriam und Paul bei den Kindern. Immer tiefer nistet sie sich damit in die Familie ein, die sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen kann. Selbst wenn ihnen etwas am Verhalten der Nanny missfällt, wagen sie es nicht, es offen zu thematisieren – zu groß ist die Angst, die Kinderbetreuung zu verlieren.

Es geht um Macht: Doch wer hat sie? Louise sieht sich in einer Machtposition, indem sie unverzichtbar wird. Paul und Myriam sehen sich in einer Machtposition, weil sie Louise bezahlen. Obwohl sie so nah beisammenleben, steht zwischen ihnen eine Kluft, die sie nicht überwinden können.

Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr perfektioniert Louise die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. Myriam ruft nicht mehr an, um Bescheid zu sagen, wenn es später wird, und Mila fragt nicht mehr, wann Mama endlich nach Hause kommt. Louise ist da und hält diese fragile Konstruktion aufrecht. Myriam lässt sich bereitwillig bemuttern. Jeden tag überlässt sie einer dankbaren Louise weitere Aufgaben. Die Nanny ist wie diese Schemen, die im Theater im Dunkeln das Bühnenbild umbauen. […] Louise wirkt hinter den Kulissen, unbemerkt und mächtig. Sie hat sie unsichtbaren Fäden in der Hand, ohne die der Zauber nicht funktioniert.
Dann schlaf auch du, Leïla Slimani, S. 55

Langsam erzählt der Roman aus der Beziehung von Louise zu der Familie. Dabei wechselt der auktoriale Erzähler zwischen Louises Perspektive und der der Kinder und Eltern. Aber auch andere Personen kommen in einzelnen Kapiteln zu Wort und schildern Szenen aus der Vergangenheit von Louise. So setzt sich Stück für Stück das Puzzle zusammen, auch wenn es bis zum Schluss kein eindeutiger Tathergang bleibt.

Eindrucksvoll zeigt Leïla Slimani in ihrem zweiten Roman, welche Abgründe in Menschen lauern. Es ist ein schonungsloses, ehrliches Portrait der Tragödie. Gleichzeitig führt sie auf, welche Macht Depressionen entfalten können. Sie stellt die unausgesprochene Frage: Hätte die Tat verhindert werden können? Müssen wir mehr aufeinander achten? Sollte man sich so sehr von der Arbeit vereinnahmen lassen, dass die die Nanny, die den ganzen Tag die eigenen Kinder hütet, nur eine anonyme Nebenfigur ist? Lediglich in einer Szene fragt sich Myriam, wie Louise eigentlich lebt, was sie tut, wenn sie nicht bei der Familie ist. Die langen Arbeitszeiten werden zwar kritisch betrachtet, aber durchaus dankend angenommen.

»Dann schlaf auch du« wurde in Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Berechtigt: Ich kann den intensiven Roman nur weiterempfehlen. Und ich hoffe, bald auch den Erstling von Leïla Slimani auf Deutsch lesen zu können. Oder vielleicht auch das nächste Buch.

Weitere Rezensionen findet ihr bei Seehase, Book Broker oder der Buchbloggerin.

Das Buch ist als gebundene Ausgabe bei Luchterhand unter der ISBN 978-3-630-87554-5 erschienen.

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